1.1 Geschichtliche Entwicklung

Ausgehend von dieser Definition muss man die Anfänge des Fertighausbaus sehr früh in der Geschichte ansetzen. Bereits beim mittelalterlichen Fachwerkbau in Deutschland wurden die Bauteile vorgefertigt, mit so genannten Rauten gekennzeichnet und auf entsprechendem Fuhrwerk zur Baustelle transportiert. Das hatte auch den Grund, dass die Zimmerleute damals zusätzlich zu den Bauaufgaben die Arbeit des Fällens und Einschnittes mit zu verrichten hatten.
Solche vorgefertigten Bauten fanden bisweilen sogar ihren Weg über das Meer, nach Island und Grönland, wo auch immer die Menschen bereit waren zu siedeln, und das Umland nicht die nötigen Materialien bereitstellte.
Selbst im antiken Griechenland gibt es Hinweise, dass Teile von Bauwerken wie Tempelanlagen an fremden Orten gefertigt, zusammengefügt und zum Transport wieder auseinander genommen wurden.

Bereits 1516 beschrieb Leonardo da Vinci [(1452-1519), florentinischer Künstler. Seine Neuerungen auf dem Gebiet der Malerei bestimmten die italienische Kunst noch mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod, und seine wissenschaftlichen Studien, insbesondere in Anatomie, Optik und Hydraulik, nahmen bereits zahlreiche Entwicklungen der modernen Naturwissenschaften vorweg] 1 sein Vorhaben, eine komplett aus zerlegbaren Typenhäusern bestehende Idealstadt an der Loire zu errichten. Lediglich die Fundamente sollten vor Ort erstellt werden.

Im Jahr 1624 wurden in England aus Tafelelementen vorgefertigte Unterkünfte für die staatliche Fischereiflotte geschaffen. Sie waren transportabel und konnten binnen kurzer Zeit ohne die Hilfe von Fachpersonal errichtet werden. Die Unterkünfte waren zweckmäßig, konnte doch die Flotte so mobil eingesetzt werden, ohne an allen Orten neue Behausungen zu errichten.

Eine weitere Verwendung fand diese Bauweise dann vor allem beim Militär: Im späten 18. Jahrhundert wurden so von Wien aus Spitalbaracken bis auf die entfernten Kriegsschauplätze nach Slowenien transportiert.

In Amerika traten die Fertighäuser vermehrt während des Goldrausches (1848) in Erscheinung. Um den nach Westen strömenden Massen eine Unterkunft zu bieten, schuf man vorgefertigte Unterkünfte, die schnell ohne Fachpersonal errichtet werden konnten. Hier begann in etwa die „Massenproduktion“ von vorgefertigten, zerlegbaren Holzhäusern.

Von der Weltausstellung 1893 in Chicago brachte der Berliner Oskar Blumenthal [(1852 - 1917), deutscher Theaterkritiker, Theaterleiter und Possenschreiber] 2 ein demontierbares Holzskeletthaus nach Deutschland mit. Es war ein zweigeschossiges Objekt mit Terrassen, Erkern und einem imposanten Turm. Angeblich ohne einen einzigen Eisennagel zu verwenden, wurde dieses Gebäude 1895, nach der Demontage in den USA und der Überfahrt nach Europa, in Bad Ischl wieder errichtet.

Abb. 1-1 - Villa Blumenthal, Bad Ischl
Abb. 1-1 - Villa Blumenthal, Bad Ischl

Nachdem die ersten Fertighäuser moderner Bauart vorwiegend aus Schweden und Norwegen nach Deutschland kamen, entstanden auch hierzulande bald eigene Ideen. Diese Entwicklung setzte parallel zu der Entstehung der Holzwerkstoffplatten in den 20er und 30er Jahren ein.
1931 entwickelte der Bauhaus-Architekt Walter Gropius [(1883-1969), Architekt und Designer, ein Vertreter des Funktionalismus. Als Gründer des Bauhauses übte er starken Einfluss auf die nachfolgenden Architektengenerationen sowie auf die Entwicklung des gestaltenden Handwerks und der bildenden Künste aus.] 3 in Deutschland ein Bausystem aus vorgefertigten Wandtafeln mit einer inneren Holzkonstruktion.
Er schreibt dazu: „Seit 1910 bin ich unentwegt für den Bau von Montagehäusern, für die Industrialisierung des Hausbaus in Vorträgen und Artikeln eingetreten und habe Forschungsarbeiten und praktische Experimente zusammen mit Industrieunternehmen durchgeführt…Ein Montagehaus kann in der Fabrik auf ein Lastauto mit Anhänger geladen, mit Boden, Wänden, Dach und der gesamten Ausstattung fix und fertig zum Bauplatz gebracht und dort in kürzester Zeit montiert werden, ganz unabhängig von der Jahreszeit…“

1943 bis 1945 verbesserte er seine Entwicklung in Zusammenarbeit mit Konrad Wachsman [(1901-1980), deutschamerikanischer Architekt und Architekturtheoretiker] 4 in den USA zu dem „PackageHouseSystem“, nachdem er 1934, als Gegner der Nationalsozialisten, Deutschland hatte verlassen müssen. Bereits 1940 waren Fertighäuser in den USA durch den Versandhandel verbreitet, innerhalb weniger Jahre wurden über 110.000 typengleicher Häuser abgesetzt.

Für Deutschland ist die Entwicklung der Fertighäuser nach dem 2. Weltkrieg interessant. Kamen die ersten Fertighäuser nach 1950 wiederum noch aus Schweden (die so genannten Schwedenhäuser), so setze schnell eine rasch wachsende eigene Entwicklung ein.


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