1.2 Die Entwicklung der Fertighausindustrie in Deutschland als eigenständige Branche

Trotz der Wohnraumknappheit, der Inflation und den Vorbilder im Ausland hatte es die Fertighausbranche nach dem Krieg außerordentlich schwer, in Deutschland Fuß zu fassen. Noch waren Holzbauten zu sehr mit dem Begriff Baracke behaftet und Massivbauten waren seit den Fachwerkhäusern des Mittelalters ein Statussymbol geworden.
Zu den Grundvoraussetzungen der Entstehung der Fertighausindustrie gehört zweifellos die Entwicklung der Spanplatte. Hier taten sich vor allem die Unternehmen Platz und OKAL als Pioniere hervor. Schon 1952 wurden bei Platz die wohl ersten Spanplatten in der BRD gepresst, geboren aus der Idee den Abfall des zugehörigen Sägewerkes sinnvoll zu nutzen. Auch bei OKAL, bis 1958 noch Tischlerei, beschäftigte man sich mit der Entwicklung und Produktion von Holzspanplatten, hier wurde die so genannte Röhrenspanplatte nebst Maschinen zur Produktion solcher entwickelt. Bis zur Serienreife der Spanplatte hatten die Hersteller aber noch mit der anfänglich geringen Festigkeit und vor allem ungenügenden Dimensionstabilität zu kämpfen.
Doch die Kunden interessierten in den 50er Jahren noch nicht für die Fertighäuser. Nicht zuletzt das knappe Angebot an Variationen sorgte für eine Zurückhaltung bei den Käufern, fast alle angebotenen Fertighäuser der Anfangszeit waren ebenerdige Bungalows – erst im Laufe der Zeit wurden die Landesbauordnungen in soweit geändert, dass ein mehrgeschossiger Wohnungsbau in Holzubauweise möglich wurde. Klar sichtbare, produktionsbedingte Trennfugen (Abb. 1-2) enttarnten das Haus außerdem sofort als Fertighaus.

Abb. 1-3 - Fingerhut Haus, 1967
Abb. 1-3 - Fingerhut Haus, 1967

Der Wandaufbau der 50er Jahre sah auf der Außenseite meist eine Asbest-Zement-Platte als Putzträger vor, die Fugenstöße konnten aufgrund der technischen Entwicklung allerdings erst in späteren Jahren unsichtbar geschlossen werden, so dass die Fugenbetonung als architektonisches Gestaltungsmittel in Kauf genommen werden musste. Während Ende der 50er Jahre in den USA etwa 80 Prozent und in Schweden 60 Prozent der neu errichteten Häuser Fertighäuser waren, betrug der Anteil in Deutschland lediglich 1 Prozent [Quelle: Spiegel 1962] 5.
Einer der Hauptgründe war auch die fehlende Flexiblität: Grundrisse und Konstruktionsmerkmale waren vorgegeben, der Kunde hatte keine oder nur wenig Möglichkeiten an der Gestaltung des Hauses mitzuwirken.
Mit Eintritt in die 60er Jahre änderten sich die Anforderungen und Erwatungen an das Haus und damit auch die Angebote der Hersteller. Schlüsselfertiges Bauen, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten sowohl im Inneren, als auch an der äußeren Fassade waren nun gefragt. Alle Hersteller hatten nun eine Vielzahl an variablen Grundrissen, mehrere Fassaden und Inneneinrichtungen parat. Man ging dazu über, dem Kunden die gesamte Bauleistung, vom Keller über Heizung bis zur Küche anzubieten. Gepaart mit einer rationellen und schnellen Bauweise lies dies das Produkt Fertighaus in der Gunst der Bauherren steigen.

Ab hier wurde der Grad der Vorfertigung immer größer. Durch neue Entwicklungen war es Ende der 60er Jahre z.B. möglich die Putzfassade ab Werk aufzubringen. Durch die Produktion von Tafeln mit einer Länge bis zu 12,50 Metern und neuen Putzuntergründen gehörte die „Trennfugenarchitektur“ schon mehrere Jahre der Vergangenheit an, die Kleintafelbauweise wurde von der Großtafelbauweise abgelöst.

Zur allgemeinen Anhebung der Ausführungsqualität von Fertighäusern wurde 1963 die Gütegemeinschaft Montagebau und Fertighäuser gegründet. Grundlage hierfür war die Ergänzung zur DIN 1052, in der die Überwachung der Produktion vorgefertigter Teile in Tafelbauart geregelt wird.


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